Paulo Luciaro
Paulo Manuel Luciaro (*1888 in Nouberez, †1963 in Semess) war ein sagradischer christdemokratischer Politiker und Staatsmann.
Luciaro war (mit einer kurzen Unterbrechung) von Dezember 1948 bis Mai 1959 sagradischer Ministerpräsident. Bis heute hält er mit zehn Amtsjahren den Rekord für die längste Amtszeit eines Regierungschefs in der Geschichte der Sagradischen Republik. In seiner langen Karriere war er zudem u.a. sagradischer Justizminister (1946-1950) und zweimal Außenminister (1945-1946 und 1953-1955).
Von 1945 bis 1948 war Luciaro zudem Parteisekretär und 1955 bis zu seinem Tod 1963 Parteivorsitzender der christdemokratischen Volkspartei PPC.
Von 1960 bis 1962 stand Luciaro zudem der sagradischen Abgeordnetenkammer und danach bis zu seinem Tod der Parlamentarischen Versammlung der EWG vor. Er gilt als einer der Gründerväter der Europäischen Union sowie der europäischen Christdemokratie und als eine der einflussreichsten politischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in Sagradien.
Inhaltsverzeichnis
Leben
Jugend und politische Karriere in der Zweiten Republik
Der aus der Bretagne stammende Luciaro besuchte ein Jesuiten-Gymnasium in seiner Heimatstadt und studierte danach Rechts- und Staatswissenschaften in Vice, Semess und Vierna. Während des Studiums gehörte er verschiedenen katholischen Studentenvereinen an. Nach seiner Promotion ließ sich Luciaro 1913 im sagontinischen Vierna nieder, wo er zunächst für einen Rechtsanwalt arbeitete. Zugleich begann er, als Redakteur für verschiedene kleinere Zeitungen zu schreiben.
Im Jahr 1920 wurde Luciaro erstmals in den Stadtrat von Vierna gewählt, wenig später kam er in Kontakt mit der liberalkatholischen Vertá-Gruppe um Don Martín de León und Ariel de la Roya, seit 1922 schrieb er regelmäßig für das Blatt. Er war zudem Mitglied der Liga del Pôpolo Jovén, einer Vereinigung junger Katholiken, die der katholischen Acción Popular nahestand und christdemokratische und christlich-soziale Ideen entwickelte. 1925 gehörte er schließlich zu den Gründern der Demokratischen Volkspartei (PDP), der ersten christdemokratischen Partei Sagradiens, die im Gegensatz zur klerikal-konservativen Volksunion progressive christlichsoziale Positionen vertrat. Er wurde ein enger Vertrauter des Parteichefs Don Martín und 1927 dessen persönlicher Sekretär. Im Jahr 1932 wurde Luciaro Bürgermeister von Vierna. Der seit 1935 amtierenden Volksfrontregierung stand er von Beginn an kritisch gegenüber, jedoch lehnte er auch den zunehmend konfrontativen und autoritär beeinflussten Kurs der rechtskatholischen Volksunion ab und suchte eine Mittelposition zwischen Links- und Rechtsbündnis einzunehmen. Dennoch sprach sich Luciaro nach den Aprilwahlen 1938 für eine Regierungsübernahme durch Manuel Álamo aus, da er sich dadurch eine politische Stabilisierung erhoffte.
Nach den Augustgesetzen 1940 legte Luciaro sein Amt als Bürgermeister nieder. Er gehörte fortan zu den Befürwortern eines sagradischen Kriegseintritts auf alliierter Seite. 1943 schloss er sich der sagradischen Resistença in Nordostsagradien an, wo er zusammen mit De la Roya und dem Linkskatholiken Nino Cabal den katholischen Flügel (Resistença Cristiana) vertrat.
Gründung des PPC und Arbeit in der Nationalversammlung
Nach Eintritt Sagradiens in den Weltkrieg befürwortete Luciaro eine nationale Sammlung und einen Ausgleich zwischen den politischen Lagern. Nach Bildung des nationalen Kriegskabinetts Dini II fungierte Luciaro als Regierungssekretär. 1945 wurde er schließlich in der dritten Regierung Dini zum Minister für öffentliche Verwaltung ernannt.
Auch das Programm einer großen christdemokratischen Sammlungspartei, unter dem Namen Convergência bekannt, fand Luciaros Unterstützung. 1945 gehörte er schließlich mit einigen anderen Volksdemokraten zu den Gründern der neuen Volkssammlungspartei (PPC), in der die rechtskatholische Volksunion zusammen mit der Volksdemokratischen Partei und verschiedenen linkskatholischen und bürgerlichen Bewegungen aufging.
Während Parteipräsident Amentino Xavier-Castrell und Senatspräsident Fernando De la Roya zunächst als bekannte Zugpferde der Partei galten, übernahm Luciaro die Organisationsarbeit. Als Sekretär des Exekutivkomitees nahm er dabei von Beginn an eine Schlüsselstellung ein. Seinem Willen nach sollte die PPC eine nicht-konfessionelle christlich-orientierte Sammlungspartei darstellen, die demokratisch und nicht-sozialistisch sein sollte. Dieser pragmatische liberalkatholisch dominierte Kurs setzte sich in der Partei bald durch, nachdem der linkskatholische Flügel um Nino Cabal, der einen christlichen Sozialismus propagierte, bald ins Abseits geriet und die Partei schließlich auch größtenteils verließ.
Im August 1945 wurde Luciaro in die sagradische Nationalversammlung gewählt, in der die Volkssammlungspartei als Nachfolgerin der Volksunion die stärkste Fraktion stellte. Nach der Wahl Sergio Dinis zum Staatspräsidenten führten die Christdemokraten die bestehende sogenannte "Demokratische Koalition" mit Kommunisten, Sozialisten und Radikalen fort, die aus der Kriegskoalition Dinis hervorgegangen war.
In der Partei kritisierten Teile des konservativen Flügels Luciaro und die PPC für den „Pakt mit dem Teufel“, namentlich mit Kommunisten und Sozialisten. Luciaro war aber überzeugt, dass allein eine solche Koalition des demokratischen Konsenses das Land wiederaufbauen und eine stabile liberale Demokratie etablieren könne. Vor allem sollte die alte Spannung zwischen linken Säkularen und rechten Katholiken vermieden werden.
Ministerämter und Ministerpräsidentschaft
In den Regierungen Dini III und Saviola III zunächst Minister für öffentliche Verwaltung, wurde Luciaro im Dezember 1945 schließlich als Nachfolger von David Pizarro Cordês zum Außenminister ernannt. Gegenüber dem Parteivorsitzenden Amentino Xavier-Castrell, der zwar Vizeministerpräsident, aber ohne eigenen Geschäftsbereich war, kam Luciaro nun in eine stärkere Stellung.
Im Kabinett des gemäßigten Sozialisten Santo de la Ilpa wurde Luciaro Justizminister und erhielt Ilpa seit 1946 das Amt eines stellvertretenden Ministerpräsidenten. Während Fernando de la Roya 1947 zum Parteipräsidenten der Volkspartei gewählt wurde, fungierte Luciaro als Exekutivsekretär und Vizeministerpräsident als eigentlicher Parteiführer.
Luciaro und Ilpa sollten in den Folgejahren zu engen politischen Weggefährten und Vertrauten werden. Nach dem Austritt des Partíu Radical aus der Regierungskoalition und der Demission der Regierung Ilpa im Herbst 1948 erhielt Luciaro von Präsident Dini den Auftrag zur Regierungsbildung und wurde schließlich als Nachfolger Ilpas Ministerpräsident. Dieser blieb aber als Stellvertreter Luciaros und Außenminister in der Regierung.
Gleichzeitig gab Luciaro sein Amt als Exekutivsekretär der Volkspartei an Benito Mello ab, blieb aber eigentlicher Führer der Partei. Erst 1955 wurde er als Nachfolger von Ariel de la Roya auch offiziell in das Amt des Parteivorsitzenden gewählt.
In seiner Amtszeit gelang es Luciaro, der zunächst weiterhin das Justizministerium weiterführte, eine starke Stellung des Regierungschefs zu etablieren. Mit seinem gemäßigt-marktwirtschaftlichen und konservativ-bürgerlichen Kurs schaffte es Luciaro, die Christdemokraten als dominante Kraft des bürgerlichen Lagers zu behaupten.
Im August 1950 demissionierte Luciaro als Premierminister, nachdem es zu schweren Vorwürfen gegen seinen Amtsleiter gekommen war, wurde aber zwei Monaten erneut zum Ministerpräsidenten ernannt. Die Christdemokraten wurden deutlich stärkste Kraft im Parlament, sodass er seine Ministerpräsidentschaft in der Koalition mit Sozialisten und Linksliberalen weiterführen konnte.
Bilanz seiner Ministerpräsidentschaft
In der ersten Hälfte der Fünfziger Jahre wurde Sagradien von einer so genannten Zentrumskoalition aus Luciaros Christdemokraten usowie den Sozialdemokraten Santo de la Ilpas regiert. Ministerpräsident Luciaro und Außenminister Ilpa prägten das Land und setzten eine deutliche außenpolitische Orientierung im Hinblick auf eine Westorientierung, NATO-Mitgliedschaft und europäische Zusammenarbeit durch. Unter der Führung Luciaros gehörte Sagradien 1949 zu den Gründernationen der nordatlantischen Verteidigungsallianz NATO sowie des Europarats. Von Beginn an unterstützte Luciaro den so genannten Schuman-Plan, der 1951/52 zur Gründung der so genannten Montanunion führte. Auch die Römischen Verträge von 1957 mit der Gründung von EWG und Euratom gelten als außenpolitische Leistungen Luciaros, der mit seinem Kurs nicht nur dem Widerstand der kommunistischen und nationalistischen Rändern, sondern zeitweise auch der Sozialisten sowie Teilen der Liberalen trotzte. Luciaro gilt deswegen auch neben Robert Schumann, Jean Monnet, Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer als einer der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft und wurde im Jahr 1956 mit dem Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen ausgezeichnet. Die europäische Integration wurde 1954/55 ergänzt durch eine Aussöhnung mit dem micolinischen Nachbarn, für die vor allem Santo de la Ilpa eintrat, und die im Sommer 1955 schließlich zur Lösung der seit 1935 offenen Golen-Frage führte.
Innenpolitisch setzte Luciaro im Bündnis mit Ilpa eine umfangreiche Sozialstaatsgesetzgebung durch, die jedoch nach dem Ausscheiden der Sozialdemokraten 1955 in der neuen liberal-konservativen Koalition durch einen stärker wirtschaftsfreundlichen Kurs ergänzt wurde. Nach seinem erneuten Wahlsieg 1958 geriet Luciaro zunehmend in Gegensatz mit den eher progressiven Kräften seiner Koalition, die anfingen, den autoritär-konservativen Kurs in der Innen- und Justizpolitik zu kritisieren. Dazu gehörten vor allem die aus der radikalen Tradition stammenden Politiker der liberalen Demokratischen Union, die seit 1955 als Bündnispartner der PPC mitregierten. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme Luciaros, der mit Atembeschwerden rang, aber auch eine zunehmend Unzufriedenheit in der Partei über die anhaltende Machtposition Luciaros. Besonders sein lange als Kronprinz gehandelter Finanzminister Carles Angel Favale wurde bald als Gegenspieler betrachtet. Luciaros Versuch, seinen mächtigen Kabinettschef und Wunschnachfolger als Premierminister Dián Jocéntilo Sánchez neben seinem Kabinettsamt zum einflussreichen Exekutivsekretär der Partei wählen zu lassen, führte Anfang 1959 schließlich zum Aufstand der Gegner Luciaros, die an der Stelle Sánchez' den früheren Staatssekretär im Justizministerium, neu ernannten Minister für die Kolonien und Favale-Vertrauten Martín Nêu Regríguez ins Amt wählten. Dies bedeutete eine herbe Niederlage Luciaros und markierte seinen zunehmenden Autoritätsschwund in der Partei.
Als sich auch parteiintern die Stimmen mehrten, die eine vorzeitige Ablösung Luciaros im Regierungsamt wünschten, entschied sich Luciaro schließlich, im zum Mai 1959 sein Amt niederzulegen und sich aus der Regierungspolitik zurückzuziehen. Anlass dieser Entscheidung waren öffentliche Forderungen, u.a. des neuen Exekutivsekretärs der Partei Martín Nêu Regríguez' an Luciaro, der Öffentlichkeit und seiner Partei mitzuteilen, ob er die Legislaturperiode beenden wolle, um rechtzeitig einen Nachfolger zu bestimmen. Dieses Vorgehen empfand Luciaro als Palastrevolte und zog sich daraufhin aus dem Regierungsamt zurück. Sein Nachfolgefavorit Dián Jocéntilo Sánchez konnte sich schließlich nicht gegen den in der Partei höher angesehenen Carles Angel Favale durchsetzen, der Luciaro als zu wenig kompromissbereit galt. Dennoch wurde Favale schließlich neuer Ministerpräsident.
Leben nach der Ministerpräsidentschaft
Nach dem Ausscheiden aus der Regierung wurde Luciaro zum Präsidenten der sagradischen Abgeordnetenkammer gewählt. Zugleich blieb er Vorsitzender der Volkspartei und nahm als solcher auch weiterhin Einfluss auf die Regierungspolitik.
Als die Volkspartei unter Luciaros Amtsnachfolger Carles Favale bei der Parlamentswahl 1962 schwere Verluste hinnehmen musste, leitete Luciaro schließlich Verhandlungen mit den Sozialisten zur Bildung einer Großen Koalition ein. In dieser Situation stand zeitweise auch eine Rückkehr Luciaros an die Regierungsspitze im Raum, was die Sozialisten jedoch ablehnten. Statt seiner wurde der frühere Innenminister Martín Ánibal Costa neuer Regierungschef.
Luciaro wurde nach der Parlamentswahl schließlich zum Präsidenten der Europäischen Parlamentarischen Versammlung gewählt, der er bis zu seinem Tod 1963 vorstand.
Politische Funktionen
Öffentliche Ämter
- 1932-1940: Bürgermeister der Stadt Vierna
- 1945: Minister für öffentliche Verwaltung der Regierung Dini III
- 1945-1946: Außenminister der Regierungen Saviola III und IV
- 1946-1950: Justizminister im Kabinett Ilpa I und II sowie im Kabinett Luciaro I und II
- 1946-1948: Stellvertretender Ministerpräsident im Kabinett Ilpa I und II
- 1948-1950: Sagradischer Ministerpräsident (Kabinett Luciaro I und II)
- 1950-1959: Sagradischer Ministerpräsident (Kabinett Luciaro III, IV, V, VI und VII)
- 1953-1955: zugleich Außenminister im Kabinett Luciaro IV
- 1960-1962: Präsident der sagradischen Abgeordnetenkammer
- 1962-1963: Präsident der Parlamentarischen Versammlung der EWG
Mandate
- 1920-1932: Stadtrat von Vierna
- 1930-1932: Mitglied der sagradischen Abgeordnetenkammer
- 1945-1946: Mitglied der Nationalversammlung
- 1946-1963: Mitglied der sagradischen Abgeordnetenkammer
- 1960-1963: Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der EWG
Parteiämter
- 1945-1948: Sekretär des Exekutivkomitees des Partíu Popular de Convergência (PPC)
- 1955-1963: Parteivorsitzender des Partíu Popular de Convergência (PPC)
- posthum: Ehrenvorsitzender der PPC