Francès de Píu-Castellán
Francès Joán-Batista de Lomas de Píu-Castellán (*1819; †1893) war ein sagradischer Politiker und Staatsmann, dem eine zentrale Rolle während der Januarrevolution 1891 und dem folgenden Übergang von der Monarchie zur Zweiten Republik zukam. Als Mitglied der königlichen Abgeordnetenkammer gehörte er während der 1870er und 1880er Jahre der liberal-progressiven Opposition an und gehörte zu den Führungspersönlichkeiten des linksliberalen Partíu Progresista.
Als Präsident der Abgeordnetenkammer von 1889 bis Oktober 1891 war er führend an den Auseinandersetzungen mit König Philipp X. beteiligt, die schließlich zur Einsetzung einer parlamentarischen Regierung und zur Abdankung des Königs führten. Von Dezember 1891 bis Januar 1893 war Píu-Castellán selbst als Präsident des Regierungsrates provisorisches Staatsoberhaupt sowie Regierungschef Sagradiens. Als solcher verkündete er am 2. Januar 1893 die endgültige Abschaffung der Monarchie.
Nach der Parlamentswahl 1893 wurde Píu-Castellán erneut Parlamentspräsident. Er starb 1895 im Amt.
Neben Persönlichkeiten wie Luis Cavaller, Cornel Gil-Lerma und Luciano Tropexas gilt Píu-Castellán als "Gründervater" der Sagradischen Republik. Innerhalb der heterogenen republikanischen Koalition der Übergangszeit fungierte er als Integrationsfigur.
Präsident der Abgeordnetenkammer[bearbeiten]
Nachdem Sozialisten und Republikaner im Dezember 1890 den Generalstreik verhängt hatten und es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und Regierungstruppen gekommen war, machte sich innerhalb der liberalen Parlamentsmehrheit die Furcht vor einer Eskalation und einem radikalen Umsturz breit. Unter dem Druck der Straße mussten König Philipp X. und sein Premierminister Gustavo Conte de Montxerent am 21. und 22. Januar 1891 die Stadt verlassen. In dieser Situation übernahm Píu-Castellán eine entscheidende Rolle. Er berief die Abgeordnetenkammer ein und setzte eine Abstimmung über die Absetzung der Regierung Montxerent an. Mit diesem außerkonstitutionellen Vorgehen versuchte er gemeinsam mit den Parteiführern des Partíu Liberal, Cornel Gil-Lerma und Luis Cavaller, eine Parlamentarisierung herbeiführen und eine Eskalation der Situation abwenden zu können. Nachdem die Abgeordnetenkammer mit deutlicher Mehrheit für die Absetzung der Regierung gestimmt hatte, erließ sie am 27. Januar eine neue Wahlresolution, die die Ausarbeitung eines neuen Wahlrechts auf Grundlage der allgemeinen Volkswahl ankündigte. Zudem bestellte sie einen "Exekutivausschuss" unter der Führung von Cornel Gil-Lerma, der in Abwesenheit einer königlichen Regierung die Amtsgeschäfte übernehmen solle. Im Parlamentsbeschluss beriefen sich die Abgeordneten auf die "ständische Tradition der Codices Magni" und setzten sich damit über den Willen der Nobelnkammer hinweg, die erst gar nicht mehr einberufen wurde.
In der Folge setzte Píu-Castellán Neuwahlen im April 1891 an, aus denen schließlich Liberale, Republikaner und Sozialisten als Sieger hervorgingen. Nach der Abdankung des Königs erließ die Nationalversammlung am 5. Juni 1891 die "Juni-Proklamation", in der sich die sagradische Nationalversammlung zur "alleinigen Inhaberin der Regierungsgewalt der Sagradischen Nation" erklärte ("la sola poder governante de la Nación es síu nela Asamblea Nacional"). Gleichzeitig verhandelte eine Delegation der Nationalversammlung weiter mit dem exilierten Thronfolger José Filipe über eine Thronerhebung.
Regierungspräsident[bearbeiten]
Die Nationalversammlung arbeitete ein provisorisches Verfassungsstatut aus, das im November 1891 als Estatú de Governo in Kraft trat. Darin wurde die gewählte Nationalversammlung zum Inhaber der vollen Staatsgewalt erklärt und die zuvor bereits aufgelöste Nobelnkammer endgültig abgeschafft, womit Sagradien ein Einkammerparlament erhielt.
Nachdem die Nationalversammlung im August die Regierungsgewalt an das Militär unter Führung von Luis María de Castós übertragen hatte, um die Räteaufstände in Semest und anderen Großstädten des Landes niederzuschlagen, wurde Píu-Castellán im Dezember 1891 zum Präsidenten eines neuen zivilen Regierungsrates gewählt, in dem aber De Castós weiterhin als Kriegsminister amtierte.
Ausrufung der Republik[bearbeiten]
Nach dem Bekanntwerden des "Briefes aus Chateauvieille", in dem der Thronfolger seine Verachtung für die Nationalversammlung ausgesprochen hatte, war das Tischtusch endgültig zerschnitten. In Abwesenheit der royalistischen Abgeordneten, die die Abstimmung boykottierten, verkündete Píu-Castellán schließlich am 2. Januar 1893 endgültig die Monarchie für abgeschafft. Die Symbole des Königtums wurden nun durch neue republikanische Symbole ersetzt.
Wenige Tage später erklärte Píu-Castellán seinen Rücktritt als Regierungschef und übergab die Leitung des Regierungsrates an den bisherigen Innenminister Luis Cavaller. Nach der Parlamentswahl 1893 wurde Píu-Castellán abermals zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt.
Píu-Castellán blieb auch in der Folge Präsident der Nationalversammlung, ehe er im Dezember 1895 starb.
